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Festrede von Frau Käßmann zum Herdergeburtstag

lutherdekadeProf. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann | Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017
Evangelische Kirche in Deutschland | Charlottenstraße 53–54 | D-10117 Berlin

Jahresempfang Kirchenkreis, Kirchengemeinde und Diakonie Weimar
25. August 2016

2017 - Was gibt es da zu feiern?


wir befinden uns im Endspurt hin auf das 500jährige Reformationsjubiläum. Am 31. Oktober wird das Festjahr offiziell in Berlin eröffnet werden, es folgen der Stationenweg durch 67 Städte Europas und Deutschlands, die Kirchentage auf dem Wege und in Berlin, das Festwochenende am 27./28.Mai 2017 und die Weltausstellung Reformation, die im Sommer 2017 in Wittenberg stattfinden wird.
Weimar ist in diesem Zusammenhang ein guter Ort, über die Reformation nachzudenken. So habe ich mit Interesse gesehen, dass es inzwischen Stadtführungen zu den historischen Orten der Reformation in Weimar gibt. Und das ist ja passend. Anhand von fünf Anknüpfungspunkten in Ihrer schönen Stadt will ich dem nachgehen.
Da ist zum einen Luther selbst, der oft in Weimar zu Gast war. Insbesondere wird immer wieder darauf verwiesen, dass Luthers vier Predigten hier im Oktober 1522 in der Schlosskirche und in der Stadtkirche die Vorbereitung für seine 1523 erschienene Schrift „Von weltlicher Obrigkeit wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“ darstellt. Er hat diese Schrift dem Bruder und Mitregenten Friedrichs des Weisen, Johann, gewidmet. Johann war offenbar bei den Weimarer Predigten anwesend. Damit wären wir schon bei einem ersten Thema:

Kirche und Staat

Luther schöpfte seinen Mut, vor Kaiser Karl V. und die Gesandten des Papstes zu treten auf dem Wormser Reichstag aus seiner Bibellektüre. Er war überzeugt: Wenn er nicht von der Bibel her oder aus Vernunftgründen widerlegt wird, muss er aus Gewissensgründen zu seinen Überzeugungen stehen. Das war ein Wagnis. Und ein Vorbild. Die Freiheit des Einzelgewissens wurde so zur überzeugenden Haltung, auch wenn es noch lange dauern sollte, bis sie ihren Weg in die politische Realität fand – in vielen Ländern der Erde gibt es diese Freiheit bis heute nicht. Martin Luther war bei alledem ein begnadeter politischer Taktierer. Das meine ich nicht negativ. Der Historiker Heinz Schilling hat in seiner 2012 erschienenen Lutherbiografie betont, dass Luther nicht Bischöfe als leitend in der reformatorischen Kirche vorsah, sondern die Landesherren Schlüsselfunktion erhielten als „Einsicht in die Realitäten der Macht“ Aber damit hat sich Luther nicht nur Freunde gemacht. Thomas Müntzer steht wohl symbolisch für die andere Auffassung. Die beiden Männer haben nach anfänglicher Gemeinsamkeit heftig gerungen miteinander. Wenn Luther Müntzer als „Satan zu Allstedt“ bezeichnet und der wiederum Luther als „Sanftleben zu Wittenberg“, sind das noch die eher freundlichen Bezeichnungen. Sicher, Müntzer hatte erwartet, dass die bisherige Welt alsbald zusammenbricht. Aber er wollte auch Gerechtigkeit im Hier und Jetzt. Im Bauernkrieg hat er sich klar an die Seite der geknechteten Bauern gestellt und die Obrigkeit deutlich kritisiert. Ein Recht auf Widerstand gegen die Fürsten und die Obrigkeit zu bejahen, dorthin war es auch für Müntzer ein langer Weg des theologischen Ringens. Am Ende sagte er, müssten die Fürsten eben auch Diener sein, auf Herrschaft und Privilegien verzichten. Hier von Weimar aus schreibt Luther am 21. August 1524 an Bürgermeister, Rat und Gemeinde Mühlhausen: „Es haben mich gute Freunde gebeten, nachdem es erschollen ist, wie einer, genannt Magister Thomas Müntzer, sich zu Euch in Eure Stadt zu begeben willens sei, Euch hierin treulich zu raten und zu warnen vor seiner Lehre … Ich bitte deshalb: wollet Euch vor diesem falschen Geist und Propheten, der in Schafskleidern dahergeht und inwendig ein reißender Wolf ist (Matth. 7,15), gar fleißig vorsehen.“
Luther warnt also vor den Lehren des einstigen Gefährten. Nach der verheerenden Niederlage der Bauern in der Schlacht bei Mühlhausen wurde Müntzer schwer gefoltert und hingerichtet. Luther äußerte zunächst kein Wort des Mitgefühls. Ähnlich übrigens verhielt sich Johannes Calvin anlässlich der Hinrichtung Servets, weil dieser die Trinität leugnete. Die Reformatoren haben die wegweisende Haltung eingenommen: In Glaubens- und Gewissensfragen ist jeder Mensch frei! Aber Toleranz in unserem heutigen Sinne, die auch um die Freiheit der anderen weiß, kannten die Reformatoren nicht. Und auch wir ringen ja immer wieder hart genug darum…
Bei aller Kooperation mit den politisch Mächtigen blieb Martin Luther bei seiner Überzeugung:
Es muss zwischen weltlichem und kirchlichem Regiment unterschieden werden. Er bezog sich dabei vor allem auf den Apostel Paulus, der an die Gemeinde in Rom schreibt:
„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.“ (Römer 13.1f.) Diese Haltung ist verständlich, wollte Paulus doch mit ihr keine Lehre vom Verhältnis von Staat und Kirche begründen, sondern schlicht pragmatisch die Gemeinde in Rom auf den Boden der Realität dieser Welt zurückholen. Manche wähnten sich dort schon in anderen himmlischen Sphären, als sei das Reich Gottes alleiniger Maßstab und das Hier und Jetzt irrelevant. Dass Paulus Untertanengeist angeordnet hätte, wäre eine Fehlinterpretation, die Luther so auch niemals vertreten hat.
In der Apostelgeschichte heißt es: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (5,29) – das hat viele ermutigt, Widerstand zu leisten. Und so bleibt die Balance zwischen notwendigem Respekt vor der Obrigkeit und notwendigem Ungehorsam angesichts ungerechter Verhältnisse eine Herausforderung für Christinnen und Christen bis heute. Luthers Haltung zum Bauernkrieg hat seiner Popularität 1525 schwer geschadet. Andererseits wurde Martin Luther selbst immer wieder für das Verhalten der Bauern verantwortlich gemacht. In seiner „Ermahnung“ zum Frieden von 1525 hatte er das Verhalten der Bauern verteidigt. Er schreibt: „Es sind nicht Bauern, liebe Herren, die sich gegen euch stellen: Gott ists selbst, der sich gegen euch stellt, eure Wüterei heimzusuchen…“3, und er mahnt: „Fangt nicht Streit mit ihnen an …Versuchts zuvor gütlich…Verliert ihr doch mit der Güte nichts.“
Noch im selben Jahr allerdings verfasste Luther seine Schrift „(Auch) Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der (andern) Bauern“5. Darin schreibt er: „So soll nun die Obrigkeit getrost fortfahren und mit gutem Gewissen dreinschlagen, solange sie einen Arm regen kann.“ Luther bezieht sich wiederum auf den Apostel Paulus und seine Ausführungen über die Obrigkeit: „Denn sie ist Gottes Diener, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.“ (Rö 13,4) Luther geht es in dieser paulinischen Tradition um die Trennung des Weltlichen und des Göttlichen. Im Weltlichen sei der Obrigkeit zu gehorchen.
Diese Zwei-Reiche oder auch Zwei-Regimenter-Lehre gehört zu den anspruchsvollsten theologischen Konstrukten Luthers – sie wurde erst viel später übrigens so bezeichnet. Viele legen sie gern so aus, dass damit gesagt sei: Evangelische, mischt euch gefälligst nicht in politische Fragen ein. Kümmert euch um das Eigentliche, nämlich um Verkündigung des Glaubens und Seelsorge. Das ist aber zu kurz gedacht! Luther selbst nimmt ja zu komplexen politischen und ethischen Fragen Stellung unter Berufung auf die Bibel. Es kann keine Verkündigung geben, die ignoriert, wie sehr die Bibel das Gewissen fordert. Wenn es dort etwa heißt, dass wir unsere Feinde lieben sollen, ja für sie beten sollen, auch für die, die uns verfolgen, kann das nicht ignoriert werden in Debatten über Krieg und Frieden. Zwei Regimenter kann nicht heißen, sie haben nichts miteinander zu schaffen. Es bedeutet, dass der Staat nicht in die Kirche hinein regieren darf, er hat in Glaubensfragen nichts zu sagen. Und es bedeutet, dass die Kirche nicht in den Staat hinein regieren kann im Sinne eines Gottesstaates etwa mit einer Berufung auf göttliches oder religiöses Recht. Aber eine Religionsgemeinschaft darf sich äußern aus ihrer Sicht, die Gewissen schärfen, indem sie mahnt, erinnert und deutlich macht: Beide Regimenter, so sieht es Luther, sind von Gott eingesetzt und haben sich zu verantworten. Und weil Gott auch das weltliche Regiment will, kann die Kirche sich nicht ins berühmte private stille Kämmerlein verbannen lassen! Auch das ist Lerngeschichte der Reformation: Wir bejahen als Evangelische im Land die Trennung von Staat und Kirche. Doch das heißt nicht, dass wir ängstlich und stumm werden, was die Fragen unserer Gesellschaft und unserer Welt betrifft. Lutherisch wäre das gewiss nicht!
Martin Luther und die anderen Reformatoren haben uns gelehrt, aus einer Haltung des freien Gewissens heraus zu leben und uns einzubringen in aktuelle Fragen. Das gilt in der demokratischen Gesellschaft für Gläubige aller Konfessionen und Religionen und auch für religiös nicht Gebundene. Nur, wenn wir das tun, den offenen und respektvollen Streit um den richtigen Weg wagen, sind wir zukunftsfähig und ermatten nicht in alltäglichen Belanglosigkeiten. Mich persönlich ermutigt mein Glaube, immer wieder mitzudenken, mit anderen zu diskutieren, zu lernen und auch zu streiten. Das halte ich für ein reformatorisches Erbe, das ich gern mit anderen aufgreifen und weiterführen will.
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Weimar und insbesondere diese Kirche sind, wenn wir auf die Rezeption der Reformation schauen, natürlich auch interessant mit Blick auf Johann Gottfried Herder, dessen 273. Geburtstag wir heute feiern. Mit Interesse habe ich bei der Vorbereitung auf diesen Vortrag den Verweis auf eine Veranstaltung der Universität Erfurt gefunden. Am 11. April gab es dort offenbar eine szenische Lesung mit Musik unter dem Titel „Neues Leben – Luther und Herderpredigen“. Offenbar wurden Predigten Luthers und Herders in einen Dialog gebracht. Das ist eine großartige Idee und bringt uns zum zweiten Thema:

Sprache

2017 werden wir ein Reformationsjubiläum in einer Zeit der Säkularisierung feiern. Denken wir allein an Eisleben, den Geburtsort Martin Luthers, an dem heute lediglich sieben Prozent der Bevölkerung einer Kirche angehören. Die Säkularisierung macht es schwerer, zu erklären, was Glauben bedeutet. Ein immenser Glaubens- und auch Traditionsverlust ist zu verzeichnen.
Diese Herausforderung sollten die Kirchen der Reformation offensiv annehmen. Sie haben sich ja aus dem geistlichen Leben und biblischem Nachdenken entwickelt. Die Übersetzung der Bibel als Gesamtwerk in die deutsche Sprache, die Messe in der Sprache des Volkes, Schriften in deutscher Sprache waren Luther ein zentrales Anliegen, damit Menschen selbst von ihrem Glauben sprechen konnten. Dem „Volk aufs Maul schauen“ bedeutete dabei nicht, ihm nach dem Mund zu reden, sondern die Bibel so zu übersetzen und so zu predigen, dass die Menschen verstehen. Luthers Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache war nicht die erste, das betonen Kritiker des Reformationsjubiläums gern. Aber es war eine, die die Menschen mitgerissen hat, sie haben verstanden, wie Luther sagt, „dann man deutsch mit ihnen redet“. Er hat dem Volk nicht nach dem Munde geredet, sondern begreift: „Man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.“ Und darin ist Luther genial. Deutsche Begriffe wie Freigeist, Lückenbüßer, Lockvogel, Feuerprobe sind alle aus Luthers Feder. Bei der Revision der Lutherbibel für 2017 hat sich gezeigt, wie oft wir auf ihn zurückgehen.
Das haben die Menschen begriffen. Die Bibelübersetzung wurde sofort zum Bestseller. Seine Übersetzung des Neuen Testamentes, die er auf der Wartburg innerhalb weniger Wochen geleistet hatte, wurde schnell berühmt. „Innerhalb eines Jahres erlebte es ein rundes Dutzend Nachdrucke, vom nahen Grimma bis ins ferne Basel. Bis zu Luthers Tod folgten nicht weniger als zwanzig Neuauflagen…“
In säkularer Zeit ist es für die Kirchen wichtig, an die Sprachkraft als reformatorisches Erbe anzuknüpfen, um Glauben zu vermitteln. Das beginnt schon bei der Bibel, die vielen in der Tat ein Buch mit sieben Siegeln geworden ist. Es geht weiter mit der Theologie. 2017 feiern wir Reformationsjubiläum in einer Leistungs- und Erfolgsgesellschaft. Luthers Frage nach dem gnädigen Gott verstehen viele Menschen auf Anhieb heute nicht. Aber die Frage, ob ihr Leben Sinn macht, treibt sie um. Was, wenn ich nicht mithalten kann, weil ich keinen Arbeitsplatz habe, nicht genug verdiene, nicht gut genug aussehe? Die Lebenszusage, die Luther gefunden hat: Gott hat dir schon lange Sinn zugesagt, ganz gleich, was du leisten kannst. Dies gilt es für unsere Zeit zu übersetzen.
Luther entdeckte, dass es nicht die menschliche Leistung ist, die vor Gott einen Anspruch auf Heil erwirtschaftet. Vielmehr ist es Gottes Zuwendung aus Gnade. Was das bedeutet, können wir noch heute mit der Redewendung „Gnade vor Recht“ verstehen. Ein Mensch, der nach Recht und Gesetz zu verurteilen ist, darf doch auf Gnade oder auch Begnadigung hoffen.
Das verstehen wir auch heute sehr wohl. Für Martin Luther war die entscheidende Erkenntnis, dass durch Jesus Christus diese Gnade allen, die an ihn glauben, zugänglich wird. Gerade wenn der Mensch begreift, dass er selbst nicht in der Lage ist, ein vollkommenes Leben nach den Geboten Gottes zu führen, kann er ganz auf Jesus Christus vertrauen. Das bedeutet, auch da wo Recht und Gesetz verurteilen, was der Mensch tut, redet, denkt, verurteilt doch Gott nicht. Diese Erfahrung nennt Luther Rechtfertigung allein aus Glauben. Ein solcher Mensch ist für ihn ein Gerechtfertigter. In der Konsequenz ist das eine Erfahrung der Freiheit, der Befreiung aus der Angst. Aus dieser Freiheit heraus, wird der Mensch nun tun, was er kann, um so zu leben, wie es Gottes Gebote vorgeben, wohl wissend, dass er daran immer wieder scheitern kann.
In einer ökonomisch ausgerichteten Welt lässt sich die befreiende Erfahrung Luthers so beschreiben: Das Lebenskonto des Menschen ist vor Gott in den schwarzen Zahlen. Nichts, was der Mensch tut, denkt, beabsichtigt, kann es in die roten Zahlen versetzen. Mit der Taufe befindet sich der Mensch als Kind Gottes in einem Segenskreis und kann gar nicht mehr herausfallen. Die Antwort des Menschen auf diese befreiende Erfahrung ist der Glaube. Das kann gerade in einer Zeit, die, geprägt von einer Konsum- und Ablenkungskultur, oberflächlich zu werden scheint, in der Leistungs- und Erfolgsgesellschaft mutig zur Sprache zu bringen. Nutzen können wir dazu die neuen Medien. Sicher, der Reformator Martin Luther hatte tiefe biblische Einsichten und große theologische Gedanken. Aber ob die Reformation so erfolgreich gewesen wäre, wenn er nicht die Medien seiner Zeit genutzt hätte? Zum einen war der Buchdruck verfügbar. Luthers Gedanken ließen sich schnell verbreiten. Und: Er schrieb auf Deutsch und auch noch kurz! Von seinen wissenschaftlichen Kollegen wurde er dafür eher belächelt: Was kann das wohl für ein guter Gedanke sein, der nicht lateinisch und in langen Sätzen formuliert wird? Bis zu Luthers Zeiten fanden Diskussionen allenfalls in feinen, abgeschirmten Zirkeln statt. Jetzt aber kann „der kleine Mann“, ja sogar „die kleine Frau“ mitdiskutieren!
Martin Luther war ein Bestsellerautor. Von allem, was im 16. Jahrhundert auf Deutsch veröffentlicht wurde, stammt ein Drittel aus der Feder Luthers. Er hatte ein „überragendes publizistisches Talent“ und: „Durch die Kraft seiner Sprache und die schöpferische Phantasie seiner Bilder und Argumentation […] war Luther wie kein anderer geeignet, zum ‚Star‘ des ersten Medienzeitalters aufzusteigen“8, so Heinz Schilling.
Luthers Gedanken waren nicht mehr aus der Welt zu schaffen, schlicht, weil er sie schneller verbreiten konnte, als die Zensur sich über ein Verbot einigte. Rund um den Reichstag zu Worms gab es einen ersten Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen medialer Art. Während noch von den päpstlichen Gelehrten darum gerungen wurde, eine detaillierte Stellungnahme auszuarbeiten, wurde in Flugschriften von Lutheranhängern kolportiert wie es aus ihrer Sicht war: Da stand der Held und hat nicht widerrufen. Das Bild vom wackeren Luther „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen“, es war sozusagen gesetzt.
Für mich ist das ein Beispiel dafür, dass wir die neuen Medien heute getrost nutzen dürfen. Manche Karikatur von damals war gewiss nicht „politically correct“ in unserem Sinne heute. Aber auch manche Äußerungen, zu denen sich Menschen in den sogenannten sozialen Netzwerken hinreißen lassen, sind in keiner Weise sozial. Protestanten mögen ja den Streit um die Wahrheit und das ist gut so. Niemals aber darf er die Würde einer Person herabsetzen – das gilt für damals wie für heute. Wir sollten bewusst und kritisch die neuen Medien nutzen, um die gute Nachricht in der Welt zu verbreiten. Das sehe ich als aktuelle Herausforderung für unsere Kirche in Europa 2017.
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Ich habe etliche Verweise darauf gefunden, dass Herder, der Theologe der Aufklärung, schon in jungen Jahren Bewunderer Luthers war (vgl. Heinz Bluhm, Herders Stellung zu Luther 1949 u.a.), zunächst wohl mit Blick auf die Sprache, später auch mit Blick auf die nationale sowie kulturhistorische Bedeutung. Ich bin in der Tat überzeugt, dass Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ den Weg hin zur Aufklärung geebnet hat. Damit kommen wir zum dritten Thema:

Bildung

Die Vorstellungen des Mittelalters hinter sich lassend ging es Luther in der Wahrnehmung der „Freiheit eines Christenmenschen“ darum, dass jede Frau und jeder Mann eigenständig den Glauben an den dreieinigen Gott bekennen kann und verstehend das Bekenntnis zu Jesus Christus bejaht. Die Voraussetzung für einen mündigen Glauben war für Luther, dass jede und jeder selbst die Bibel lesen konnte und so gebildet war, dass er den Kleinen Katechismus, das Bekenntnis für den alltäglichen Gebrauch, nicht nur auswendig kannte, sondern auch weitergeben konnte und damit sprachfähig im Glauben war. Grundlage dafür war eine Bildung für alle und nicht nur für wenige, die es sich leisten konnten oder durch den Eintritt in einen Orden die Chance zur Bildung erhielten. Bildungsgerechtigkeit und Bildungsteilhabe – Martin Luther war der erste, der diese Themen öffentlich machte und sich vehement dafür einsetzte. Er hatte dafür theologische Gründe: Glaube war für ihn gebildeter Glaube, also ein Glaube nicht aus Konvention und nicht aus spiritueller Erfahrung allein, sondern durch die Bejahung der befreienden Botschaft des Evangeliums. Dass Glaube immer gebildeter Glaube ist, ist in seiner eigenen Biografie tief begründet. Nur durch das intensive theologische Studium der Bibel, aber auch von Augustinus-Schriften, ist er zur befreienden Rechtfertigungseinsicht gelangt. Glaube ist für Luther immer eigenverantwortlicher Glaube: Der einzelne Christ muss sich vor Gott verantworten und ist als Einzelner von Gott geliebt. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Getauften, aber nicht mehr die Heilsmittlerin für den Einzelnen. Glaube als gebildeter und eigenverantwortlicher Glaube ist ein wesentlicher theologischer Beweggrund dafür, dass Luther sich vehement für eine öffentliche Bildung einsetzte, damit alle Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit zur Bildung erhielten. Luther verdanken wir in Deutschland die Volksschulen als „Schulen für alle“ – es ist interessant, aber von seinem theologischen Ansatz her nur konsequent, dass er sich selbstverständlich auch für die Bildung von Mädchen einsetzte.
Der Schwerpunkt Bildung gilt für alle Reformatoren: Melanchthon war Lehrer aus Leidenschaft, ja, wird auch aufgrund seiner Bemühungen um eine Universitätsreform als „Lehrer der Deutschen“ bezeichnet. Martin Bucer wird von Lutheranern wie von Reformierten als Kirchenlehrer angesehen. Ulrich Zwingli lernte Griechisch, um das Neue Testament im von Erasmus von Rotterdam editierten Urtext lesen zu können. Er selbst besaß die für damals sehr große Zahl von 100 Büchern und gründete in seiner Glarner Pfarrei 1510 eine Lateinschule. Und dann das Genfer Kolleg, von Johannes Calvin gegründet, das die reformierte Bildungsbewegung in viele Regionen Europas brachte!
Das war und bleibt reformatorisches Anliegen: Denken, Reflektieren, Nachdenken, verstehen können, fragen dürfen. Doch stattdessen wird der Religion bis heute oft die Haltung unterstellt: Nicht fragen, schlicht glauben! Fundamentalismus – ob jüdischer, christlicher, islamischer oder hinduistischer Prägung – mag Bildung und Aufklärung nicht. Jedweder Ausprägung von Fundamentalismus stellt sich eine Kernbotschaft der Reformation entgegen: selbs denken! Frei bist du schon durch die Lebenszusage Gottes. Im Gewissen bist du niemandem untertan und unabhängig von Dogmatik, religiösen Vorgaben, Glaubensinstanzen.
Vielleicht ist einer der wichtigsten Beiträge der Reformation, dass es ihr um gebildeten Glauben geht, einen Glauben, der verstehen will, nachfragen darf, auch was das Buch des christlichen Glaubens betrifft, die Bibel. Es geht nicht um Glauben allein aus Gehorsam, aus Konvention oder aus spirituellem Erleben, sondern es geht um das persönliche Ringen um einen eigenen Glauben.
Heute können wir sagen, dass Bibellesen auf dieser Grundlage auch bedeutet, die Entstehung der biblischen Bücher wahrzunehmen, historisch-kritische Exegese zu betreiben. Kürzlich schrieb mir ein Student, nachdem ich in Wittenberg in einer Fernsehpredigt gesagt hatte, wir wüssten nicht genau, wer den Epheserbrief geschrieben habe, er könne mir da helfen, es sei ganz einfach, am Ende stehe doch: Paulus.
Beim Reformationsjubiläum 2017 muss deutlich sein: Den Kirchen der Reformation geht es um gebildeten Glauben und der schließt auch den historisch-kritischen Blick auf den biblischen Text ein. Gegenüber dem Fundamentalismus gehört dazu manches Mal Mut!
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Schließlich ist Weimar natürlich auch ein entscheidender Ort von Bachs Wirken. Fast zehn Jahre wirkte Bach hier, sechs seiner Kinder wurden in Weimar geboren. Etliche Kantaten hat er hier komponiert. Ist Herder der reformatorische Theologe der Aufklärung so ist Bach der Musiker, der Luthers Bibelübersetzung durch Töne in der Welt verankert hat. Vielen ist Luther so geläufig durch Bachs Kantaten und Oratorien. Viertes Thema ist daher

Reformation und Musik

Martin Luther sagte über die Musik: „Nichts auf Erden ist wirksamer, sie macht die Traurigen fröhlich und die Fröhlichen traurig, die Verzagten herzhaft, reizt die Hochmütigen zur Demut, stillt und dämpft die hitzige und übermäßige Liebe, mindert Hass und Neid.“ Die Reformation war auch eine Singe- und Beteiligungsbewegung. Oft demonstrierten Gemeinden, dass sie zum reformatorischen Glauben übergetreten sind, indem die Gemeinde begann mitzusingen. Solche Beteiligungskultur brauchen wir ganz aktuell wieder. Dass Menschen mitmusizieren, mitsingen, den Gottesdienst mitgestalten. Ich bin überzeugt, das würde auch heute
reformatorisch wirken, wenn sich Gottesdienst so erneuert. Das Singen hat ja für das Christentum von Anfang an große Bedeutung gehabt. Mit Martin Luther wurde es für die Reformation geradezu zum zentralen Ausdruck des Glaubens.
Wird nach evangelischer Spiritualität gefragt, so lässt sich sagen, dass die Musik, das Singen, Kern evangelischer Spiritualität ist und bleibt. Das war im 16. Jahrhundert so und zeigt sich bis heute in Gemeinden ebenso wie auf evangelischen Kirchentagen. Mehr noch als durch seine Schriften hat Martin Luther die neue Lehre über seine Lieder verbreitet. 36 Lieder sind von ihm überliefert, bei 20 hat er selbst die Melodie geschrieben. Es sind Ermutigungslieder und Trostlieder, aber auch liturgische Gesänge. Und siehe da, sie haben sich zum gemeinsamen ökumenischen Erbe entwickelt, auch im katholischen Gesangbuch finden wir Luthers Lieder.
Luther schreibt an Ludwig Senfl: „Denn wir wissen, daß die Musik auch den Teufeln zuwider und unerträglich sei. Und ich sage es gleich heraus und schäme mich nicht, zu behaupten, daß nach der Theologie keine Kunst sei, die mit der Musik könne verglichen werden, weil allein dieselbe nach der Theologie solches vermag, was nur die Theologie sonst verschafft, nämlich die Ruhe und ein fröhliches Gemüte.“ Es sind Texte und Melodien anderer, die unserem Leben Halt geben können, wenn wir keine Ausdrucksform für Glücksgefühle oder erlittenes Leid finden. Da kann ein Lied zum Gebet werden: Wer singt, betet zweifach, sagt Luther.
Für die Reformation wurde das Gemeindelied geradezu zum Kennzeichen des Übertritts zum evangelischen Glauben: Die Gemeinde wurde am Gottesdienst beteiligt! Wort und Musik wurden eins, die Botschaft eine gehörte, gelebte, gesungene. Die Veränderungen vollzogen sich ja nicht schlagartig, sondern Schritt für Schritt. Das Mitsingen wurde zum Ausdruck der theologischen Überzeugung vom Priestertum aller Getauften. Nicht nur der geweihte Priester gestaltet daher die Messe, sondern der ordinierte Pfarrer mit der anwesenden Gemeinde. Die Predigt in deutscher Sprache, sodass die Anwesenden verstehen können. Der
Gesang aller als Antwort, als Lob Gottes, als Ausdruck des Glaubens, als Bitte um Gottes Beistand und als gemeinsame Gestaltung der Liturgie.
Von Luther selbst wissen wir, dass er gern gesungen hat und offenbar auch gut. Als „Wittenberger Nachtigall“ wurde er auch bezeichnet. Bei den Instrumenten war er offenbar eher zurückhaltend was Orgel, Trompeten und Pauken betrifft, da griff er lieber zur Laute. Aber davon war der Reformator überzeugt: “Auf böse und traurige Gedanken gehört ein gutes, fröhliches Lied und freundliche Gespräche“. Ein Lied kann uns also Mut machen, Kraft geben, stärken. Wenn wir nicht mehr weiter wissen, traurig sind. Deshalb ist und bleibt es wichtig, Lieder zu tradieren, sie weiterzugeben, damit dann, wenn uns selbst die Worte fehlen, wir unseren Gefühlen Ausdruck geben können. Wo die Lieder verstummen, da verkümmern auch die Seelen.
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Zuletzt: Weimar wird eine der Städte sein, die im kommenden Mai einen Kirchentag auf dem Weg gestalten. Ihr Motto ist die berühmte Gretchenfrage aus Goethes Faust: „Nun sag, wie hast Du´s mit der Religion?“ Das halte ich für eine hervorragende Idee! Denn wir wollen ja 2017 nicht einfach nur historisch zurückschauen, sondern auch fragen, was sind die Herausforderungen heute?
Und das soll mein fünfter und letzter Punkt sein. Neben der Säkularisierung scheint mir der Dialog der Religionen die entscheidende reformatorische Herausforderung unserer Zeit zu sein. 2017 ist das erste Gedenkjubiläum des Thesenanschlags nach dem Holocaust. Das Versagen der Christen gegenüber den Juden in der Zeit des Nationalsozialismus hat eine Lerngeschichte eingeleitet.
Leider ist auch Martin Luther ein abschreckendes Beispiel christlicher Judenfeindschaft. Dabei finden sich in seiner 1523 veröffentlichten Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ für die damalige Zeit bemerkenswerte Ansichten: Stereotype Vorwürfe gegen die Juden, darunter den des Wucherzinses, weist der Reformator entschieden zurück. Dies seien alles „Lügendinge“. Es sei vielmehr das lieblose Verhalten der Christen gewesen, das die Juden bisher davon abgehalten habe, sich zu bekehren, wofür Luther durchaus Verständnis hat: „Wir haben sie behandelt, als wären es Hunde“, schreibt er und unterstreicht, auch er wäre an ihrer Stelle „eher eine Sau denn ein Christ geworden“. Durch diese Schrift Luthers entstand in jüdischen Kreisen die Hoffnung, es könne zu einem Neuanfang im Verhältnis zwischen Juden und Christen kommen.
Doch zwanzig Jahre später, 1543, erscheint ein im Duktus völlig anderer Text Luthers.
Schon der Titel „Von den Juden und ihren Lügen“ verrät, dass es sich um eine Schmähschrift handelt. Luther schlägt darin der Obrigkeit vor, dass sie jüdische Synagogen und Schulen „mit Feuer anstecken“, ihre Häuser „zerbrechen“ und die Juden „wie die Zigeuner in einen Stall tun“ solle. Zudem sollten ihnen ihre Gebetbücher genommen werden, worin „Abgötterei“ gelehrt werde, ihren Rabbinern solle verboten werden, zu unterrichten. Furchtbar. Unerträglich. Diese so unfassbaren Äußerungen können nicht mit seiner Verbitterung, dass Juden nicht zur Kirche der Reformation übertraten erklärt oder durch den „Zeitgeist“ gerechtfertigt werden. Sie werfen auf ihn und seine Reformation einen Schatten und sollten die Kirche, die sich nach ihm benannte, auf einen entsetzlichen Irrweg führen. Die Schmähschrift von 1543 diente immer wieder der Rechtfertigung für Diskriminierung, Ausgrenzung und Mord.
Der jüdisch-christliche Dialog hat neu entdecken lassen, was der Apostel Paulus über das Verhältnis von Christen und Juden schreibt: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Römer, 11.18). Das war eine lange und bittere Lerngeschichte für die evangelische Kirche. Heute sagt die Evangelische Kirche in Deutschland: Wer Juden angreift, greift uns an. Die Reformatoren selbst haben gesagt, die Kirche müsse sich immer weiter reformieren, dies ist ein entscheidender Punkt, der sich in der Lerngeschichte bewahrheitet hat. Das gilt auch mit Blick auf Muslime. Wetterte Luther wider die Türken, so leben wir heute gemeinsam in einem Land. Gleichzeitig sind Christen in aller Welt eine schwer verfolgte Religionsgemeinschaft. Wir brauchen einen Dialog und er muss theologisch gegründet sein.
Zum Reformationsjubiläum 2017 muss der Dialog der Religionen sich als Anliegen des Protestantismus erweisen, da sind wir mutig genug, die Lerngeschichte der Reformation weiterzuschreiben.
Ich bin sehr gespannt, wie!

Zuletzt

Das Jubiläumsjahr wird kein Endpunkt sein, sondern ein Aufbruch, davon bin ich überzeugt. Wir sollten nicht vergangenen Zeiten nachtrauern. Kürzlich begann ein leitender Kirchenmann seinen Vortrag mit dem Satz: „Wir werden ärmer, wir werden weniger, wir werden älter.“ Na wunderbar, habe ich gesagt, das ist ja ermutigend! Wie wäre es mit: Es mag sein, dass wir weniger werden, aber Salz der Erde können wir immer noch sein. Es mag sein, dass wir ärmer werden, aber es ist definitiv nicht erwiesen, dass eine reiche Kirche besonders kreativ ist. Und es mag sein, dass wir älter werden, aber damit sind wir auch klarer, entschiedener,
mutiger. Keine Angst vor Veränderung, das ist die Botschaft des Reformationsjubiläums.
Wie sagte Martin Luther: „Wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten könnten. Unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen. Unsere Nachfahren werden‘s auch nicht sein; sondern der ist‘s gewesen, ist‘s noch und wird‘s sein, der da sagt:,Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.‘“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.