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Predigt zur Wiedereinweihung

P1160969Predigt über Jes. 40, 6-11 im Festgottesdienst zur Wiedereinweihung der Stadtkirche St. Peter und Paul (Herderkirche) zu Weimar am 2. Advent (4.12.2016)
um 10.00 Uhr von Landesbischöfin Ilse Junkermann.

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Predigttext Jes 40, 6-11
(Luther 2017)
6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.
7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk!
8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
9 Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott;
10 siehe, da ist Gott der Herr! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.
11 Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.


Liebe Festgemeinde!
Was tröstet Sie, wenn Sie in einer schwierigen Situation sind? Wenn Sie mit etwas gescheitert sind, wenn Sie eine Niederlage erlitten haben? Was tröstet Sie? Was kann trösten, v. a., was tröstet in einer aussichtslosen Situation? Wenn mich eine schwere Krankheit trifft. Oder der Tod eines nahen Menschen. Oder ein Weg zu Ende ist, im Beruf oder in der Politik. Was tröstet, wenn ich nicht aus noch ein weiß?
Bestimmt stehen Ihnen jetzt Situationen vor Augen!
Situationen, die nur noch trostlos erscheinen.
Das Wort aus dem Jesaja-Buch, das wir vorhin gehört haben, spricht in eine solche Situation hinein. Es spricht zu Menschen, die am Ende sind. Im Krieg geschlagen sind sie, das Volk Israel, ihr Land und der Tempel und die Stadt Jerusalem zerstört. Verschleppt sind sie aus ihrem Land nach Babylon, ins Land der Sieger. Nun sind sie ohne Priester, ohne Richter. Alles, was sie und ihre Gemeinschaft bisher getragen hat – nicht mehr da. So sitzen sie an den Ufern von Babylon und weinen. Diese Ufer waren nicht an idyllischen Flüssen. Es sind die Ufer von Kanälen, von Bewässerungskanälen im Land der Sieger. Dieses Kanalsystem müssen die Gefangenen warten und ausbauen. Grausam ist diese Sträflingsarbeit. Es ist heiß. Es gibt wenig zu essen. Viele haben keine Kraft mehr. Viele sterben. Tag für Tag. Ein Menschenleben zählt wenig.
So sitzen sie entkräftet am Ufer und weinen und fragen: Wo ist Gott? Jerusalem, der Tempel, der Gottesdienst dort – alles in weiter Ferne, ja, zerstört. Gänzlich verlassen fühlen sie sich. Gänzlich verlassen sind sie. Auch der Prophet ist mitten unter ihnen. Und er soll nun trösten! So spricht eine Stimme zu ihm. Aber wie?
‚Predige!’ So hört er als Auftrag.
Soo einfach ist das nicht. ‚Was soll ich predigen?’ fragt er zurück. ‚Alles Fleisch ist wie Gras! Alles vergeht. Auch das Volk geht unter, vertrocknet wie Gras in der Hitze.’
Da gibt es nichts mehr zu beschönigen. Im Gegenteil: er spitzt es zu, was er und was die Menschen erleben. Es ist alles sinnlos. Denn alles ist vergänglich. „Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.“
Trösten soll er. Aber wie? Was soll ich da predigen oder sagen?
Auch die Ernestiner hatten nichts mehr zu beschönigen. Johann Friedrich I. von Sachsen war schmählich besiegt in der Schlacht bei Mühlberg. Die meisten Landesteile und die Kurwürde verloren. Er selbst ist in Gefangenschaft Die Niederlage hat ihre Spur in seinem Gesicht hinterlassen – eine große Narbe von einem Säbelhieb. So ist ihm sein Scheitern für den Rest seines Lebens ins Gesicht geschrieben. Und er hat so für das Evangelium gekämpft! Wo ist Gott? Was ist sein Trost?
Und was kann uns Trost sein, Ihnen und mir, in schwerer Situation?
Liebe Gemeinde, so, wie Ihre Kirche jetzt renoviert ist, ist sie ganz auf Trost ausgerichtet.
Das neue Weiß im Kirchenraum – manchen mag es schwer fallen, sich darauf einzulassen. War die Farbe vorher nicht freundlicher und schöner?
Ja! Aber hat sie nicht auch abgelenkt von dem, worauf der Blick allein gerichtet sein soll: dem Altar mit seinem Trostbild. Lucas Cranach der Jüngere hat es so gemalt, dass wir sehen, was Johann Friederich I. getröstet hat, was auch uns trösten kann. Das Trostwort aus der trostlosen Situation in Babylon.
Auf dem linken Flügel, auf dem gemalten Vorhang hinter Johann Friedrich I. und seiner Gemahlin Sibylle, da finden wir es. Wie ein Geheim-Code steht da: VDMIAE. Fünf Buchstaben für fünf Worte, lateinische Worte: Verbum Dei Manet in Aeternum. Auf Deutsch: Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. Das ist das Leitwort der Ernestiner. Darin ist die ganze reformatorische Theologie: Das Wort allein. Gottes Wort in der Schrift allein ist Grund und Bezug des Glaubens. In Gottes Wort allein ist frohe Botschaft, sind freundliche Worte, die zu Herzen gehen. Dieses Wort kommt direkt aus dem Propheten Jesaja:
„Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ (V 8).
Größer kann der Gegensatz nicht sein: verdorrendes Gras – ewiges Wort Gottes.
Das ist der Trost.
Der Trost: Gottes Wort bleibt in Ewigkeit.
Darauf kannst Du Dich, darauf könnt Ihr Euch verlassen.
Gottes Wort gilt. Er ist selbst das Wort, das tröstet. „Jot he waw he“ – vier hebräische Buchstaben, das ist Gottes Name, der Name, den fromme Juden nicht aussprechen. Er besagt: „Ich bin, der ich bin; ich werde sein, der ich sein werde. Ich bin der „Ich bin für Euch da“. Auf mich ist Verlass. Meine Zusage gilt – in jeder Situation.
Wie gut, dass dieser Gottesname seit Anfang der 90iger Jahre wieder in der Kirche geschrieben steht, hier auf dem Schalldeckel der Kanzel, nachdem er 1937 zusammen mit dem Davidstern von der Fürstenloge vom Gemeindekirchenrat entfernt worden war. Kein Zufall, im gleichen Jahr wie dem der Gründung des KZ Buchenwald. Wie gut, dass dieser Gottesname wieder hier steht, Gottes Zusage: „Ich bin für Euch da.“ Gott ist treu, auch seinem Volk Israel treu. Gottes Treue ist stärker als alles Machtgebaren und alle menschliche Zerstörungskraft und Unmenschlichkeit.
Aber ist das Trost?
Ja. Es ist Trost. Was Gott sagt, geschieht. Sein Wort hat schöpferische Kraft. Durch sein Wort hat er die Welt und alle Kreatur, auch die Menschen geschaffen. Sein Wort hat Lebenskraft.
Sein Wort ist die Zusage: Ich bin für Euch da. Ich bin an Deiner Seite. Ich werde Dich auch in der aussichtslosesten Situation tragen wie ein Hirte seine Lämmer im Bausch seines Gewandes trägt. Was für ein Bild!
Und das klingt durch die Bibel.
Ja, Gottes ewiges Wort wird Fleisch - „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns .... voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1, 1.14). In Christus wird Gott Mensch, ganz für uns da. Ein Mensch, der „Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68) hat, Worte, auf die Verlass ist, Worte, auf die wir hören und denen wir folgen. Er ist „das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“, so formuliert es die 1. These der Barmer Theologischen Erklärung von 1934. Auch in ihr klingt das Jesaja-Wort am Ende, als Ausrufezeichen: Gottes Wort bleibt in Ewigkeit.
Und so wird es am Ende sein: Gott wird mitten unter uns wohnen, er wird trösten, er wird alle Tränen abwischen, kein Leid und Geschrei wird mehr sein. Er, der „Ich bin für Euch da.“
Das ist gewisslich wahr.
Darauf ist Verlass.
Allerdings:
Damit es mir ein Trost wird,
damit es dem Volk Israel ein Trost wird,
damit es den Ernestinern ein Trost wird,
damit es Ihnen ein Trost wird,
dafür braucht es einen nüchternen Blick auf meine Situation; einen nüchternen Blick auf meine Möglichkeiten: so groß sie sind - sie sind begrenzt. Jeder Erfolg - wird vergehen.
Wenn Du Trost willst, dann hör auf zu beschönigen oder zu verharmlosen. Verabschiede dich von allem Erfolgsdruck, von allen Größenphantasien wie „Das schaffst Du schon, Du musst Dich nur richtig anstrengen.“ Stell alle Ratgeber zur Seite, die dir sagen wollen, wie Du groß sein und Erfolg haben wirst. Sieh und sag, wie es ist: vergänglich ist alles; auch was mir gelingt, wird vergehen.
Trost beginnt mit nüchterner Selbsterkenntnis.
Deshalb trägt Johann Friedrich I. die Narbe seines Scheiterns im Gesicht – auch auf diesem Cranach-Bild, ja, gerade auf diesem Bild. Keine Übermalung. Keine Beschönigung. Vielleicht sogar Kritik, Kritik, wie zu Schaden kommt, wer sich auf sich selbst verlässt. Und Bekenntnis: ich lebe von Gottes Wort, vom Gnadenstrahl, der aus den Wunden kommt, die ich geschlagen habe. Ich lebe davon, dass Christus mir zur Seite steht – und nicht aus eigener Stärke und eigenen Werken. Solus Christus.
Gottes Wort bleibt in Ewigkeit – so ist dies ein Wort der nüchternen Selbsterkenntnis.
Und so muss auch ich, müssen auch Sie, nichts verbergen oder verstecken. So kann auch zu mir, auch zu Ihnen, Gottes Wort als Trost kommen.
Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. Das erklingt mir als Trost, wenn ich Abschied genommen habe von allen anderen Tröstungen und Trostversuchen; von allen Größenphantasien und allen Anstrengungen.
Ja, es ist ein Wort der nüchternen Selbsterkenntnis.
Ich denke, genau das drückt Ihre Kirche im neuen weißen Gewand jetzt aus: diese nüchterne Klarheit! Damit ist alle Farbe bei dieser einen Geschichte ist, dem einen Wort Gottes in Christus – solus Christus. So muss nichts beschönigt oder vertuscht oder übermalt werden. Das Scheitern hat einen Ort und muss nicht verleugnet werden. Die Wunden, die mein Versagen und mein Fehlverhalten anderen schlagen und meine Niederlagen, all dies trägt einer und trägt es mit. Von ihm her fließt der Strahl der Gnade, auch zu uns – in den Kelch des Heils. Und macht uns frei.
Weiß, das ist auch die Farbe der Freiheit, die Farbe des Neuanfangs und der Versöhnung, des Heils und des Heil-werdens. Gott macht heil, Gott heilt. Sein Wort spricht immer wieder frei. Dieser Glanz der Freiheit, er leuchtet auch in den Kirchenraum hinein. Die drei Weißtöne in unterschiedlichen Glanzgraden stehen nicht nur für nüchterne Selbsterkenntnis, sie lassen nicht nur alle Farbe der Heils- und Trostgeschichte Gottes, sie schlagen mit den Goldtönen auch den Bogen zu Gottes Reich, das mitten unter uns beginnt.
Und so macht das Wort Gottes, das Wort der Gnade frei, im Glanz seines kommenden Reiches, seiner Hilfe und Erlösung, für die Freiheit anderer einzustehen; und für die Würde aller Menschen; und für ihr gleiches Lebensrecht. Weil mein Lebensrecht bei ihm in guten Händen ist, bin ich frei, seinen Glanz der Fürsorge und des Für-andere-Da-Seins von hier aus in Stadt und Land zu tragen.
Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. Solus Christus, Christus allein, Gottes Wort für uns. Wunderbar, wie die neu renovierte Kirche diese Botschaft nun in dieser Klarheit zum Ausdruck bringen kann. Möge sie im Jubiläumsjahr viele Menschen ansprechen, zu Gottes Wort führen und sie trösten. Und möge sie Sie als Gemeinde immer wieder zu solchem Trost und solcher Freiheit führen. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
Amen.

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